Sich in Männerdomänen vorzuwagen, verdient Respekt und Anerkennung: 2010 wird die Austrian Cooperative Research ACR erstmals den ACR-Woman Award vergeben. Mit dem Preis soll eine Nachwuchs-Wissenschafterin in technischen Berufen, die von Männern dominiert sind, ausgezeichnet und die Gendersituation in den eigenen Instituten kritisch beleuchtet werden.
Sylvia Polleres interessierte sich schon während ihrer Gymnasialzeit für Fächer wie Mathematik oder Chemie. Den naturwissenschaftlichen Zweig zu wählen, war für sie eine klare Entscheidung. Nach der Matura ging sie auf die Universität für Bodenkultur, wo seit 1973 das Studium der Holzwirtschaft angeboten wird. Sie schloss das Studienfach im Jahr 2000 als dritte Frau ab. Heute arbeitet Polleres erfolgreich für die Holzforschung Austria (HFA), einem Mitgliedsinstitut der ACR, wo sie den Bereich Holzhausbau leitet.
Zu den erfolgreichen Frauen in technischen Berufen zählt auch Angelika Rubick, Forscherin am größten ACR-Institut, dem Österreichischen Forschungsinstitut für Chemie und Technik (ofi). Ende der 90er war sie eine von wenigen Frauen an der Montanuniversität Leoben, wo sie sich dem industriellen Umweltschutz verschrieb. Heute erforscht sie am ofi die sinnvolle energetische Verwertung von Biomasse und widmet sich der Entwicklung neuer Biobrennstoffe.
Auch wenn sich im Universitätsbetrieb in Genderfragen einiges verändert hat, befinden sich Frauen wie Sylvia Polleres und Angelika Rubick in Naturwissenschaft und Technik immer noch in der Minderheit – an technischen Universitäten wie auch im Berufsleben. In der außeruniversitären Forschung sind acht von zehn wissenschaftlich Beschäftigten laut Gender Booklet Erhebung 2008 männlich. Der Anteil der Frauen in den einzelnen Forschungseinrichtungen bewegt sich zwischen 11 und 29 %, Frauen sind dabei häufig als Teilzeitbeschäftigte und in der Administration zu finden.
ACR: Förderung von Wissenschafterinnen
Die Mitgliedsinstitute der ACR wirken diesem Zustand entgegen, indem sie Frauen bewusst fördern und bei der Karriere unterstützen. Mit einem Anteil von 28,5 %, das entspricht 120 Mitarbeiterinnen, ist der Frauenanteil beim wissenschaftlichen Personal in der ACR innerhalb der außeruniversitären Forschungslandschaft vergleichsweise hoch. Durch die Initiativen konnte der Anteil jüngerer Frauen bis 35 Jahre von 47,5 % (2007) auf 56 % (2008) erhöht werden. Diese Zahlen verdeutlichen, dass es Frauen immer besser gelingt, sich in einer von Männern dominierten Arbeitswelt im beruflichen Alltag zu behaupten. „Viele objektive Hürden für Frauen wurden in den letzten Jahrzehnten abgeschafft, aber dennoch bleibt viel zu tun. Eine Karriere in einem technischen Beruf erfordert immer noch individuellen Mut, Durchhaltevermögen und verstärkten Einsatz von den Frauen,“ sagt Johann Jäger, Geschäftsführer der ACR.
Eine MitarbeiterInnenbefragung bei den ACR-Mitgliedsinstituten durchgeführt vom IFES hat gezeigt, dass 48 Prozent der befragten Frauen und 81 % der Männer in forschungsrelevanten Bereichen tätig sind. Frauen stehen weit mehr als die Männer in direktem Kontakt mit den Unternehmen, die bei den Mitgliedsinstituten Forschungsleistungen nachfragen. Die Noten, die die ACR-Institute von ihren Mitarbeiterinnen erhalten, sind bislang zwar gut bis befriedigend – eine 2,25 für die berufliche Förderung von Frauen und sogar eine 1,96 für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – aber es soll noch besser werden: „Wir möchten den Instituten signalisieren, dass sie gleiche Chancen für Frauen auch aktiv schaffen müssen. Wir prämieren nicht das bloße Vorhandensein einer Wissenschafterin, sondern ihre Tätigkeit und das Ausmaß ihrer Verantwortung in einem Projekt,“ erläutert Jäger.
Sylvia Polleres sieht vor allem im Bereich der Arbeitsplätze in Österreich generell Aufholbedarf: „Ich glaube, dass wir in Österreich eine sehr gute universitäre Ausbildung, speziell im naturwissenschaftlichen Bereich haben. Viele der jungen Wissenschafterinnen finden aber danach keinen ihrer Qualifikation entsprechenden Arbeitsplatz. Im Ausland werden die Absolventinnen hingegen oft mit offenen Armen aufgenommen, viele kehren nicht mehr nach Österreich zurück.“
Frauen nehmen eben immer noch eine Außenseiterrolle in einem männerdominierten Berufsumfeld ein, weiß Angelika Rubick: „Diskriminierung in einem männerdominierten Unternehmen erfolgt meist unbewusst. Mit männlichen Kollegen wird oft anders gesprochen, anders umgegangen.“
ACR-Preis als Anerkennung
Um die Leistungen der Nachwuchsforscherinnen zu würdigen und verstärkt junge Frauen zum Einstieg in die angewandte Forschung zu ermutigen, wird die ACR den Woman-Award fortan jährlich vergeben. Im Mittelpunkt stehen drei Aspekte: Der Preis soll jeweils an eine Nachwuchs-Wissenschafterin in einem männerdominierten technischen Beruf vergeben werden. Die individuelle Projektverantwortung soll damit honoriert und der herausragende Innovationsgehalt eines Projektes prämiert werden. Was darf sich die Gewinnerin erwarten? Neben einer Urkunde vergibt die ACR einen Gutschein für Aus- und Weiterbildung im Wert von 2.000 Euro. Die Auszeichnung wird im Rahmen einer feierlichen Enquete am 27. Oktober 2010 im Tech Gate Vienna vergeben, in einem Imagefilm werden die Wissenschafterin und ihre Leistungen präsentiert. „Es geht uns vor allem darum, die individuelle Leistung zu honorieren und sichtbar zu machen. Die Wissenschafterinnen sind in einem Stadium der Karriere, wo sie viel Verantwortung tragen, ihre Leistung aber weitgehend unsichtbar bleibt,“ sagt Jäger. Die Öffentlichkeit soll neue Impulse und frische Motivation für den Arbeitsalltag bringen.
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